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Taunus-Zeitung zur neuen Buchhandlung

13.07.2012

Bücher, wo seid ihr?

Von Klaus Späne

Gähnende Leere herrscht in dem Laden. Der Fußboden ist herausgerissen bis auf ein paar nackte Balken. Nur die blaue Markise mit der Aufschrift „Buchhandlung H. u. M. Buch“ deutet noch darauf hin, dass in dem kleinen Geschäft am Rande des Landgrafenplatzes einmal Romane, Krimis und Sachliteratur verkauft wurden. Das ist aber Geschichte, seit der bisherige Pächter des Ladens, Hans Georg Riedel, diesen vor ein paar Monaten aufgegeben hat.

Etwa fünf Jahre habe Riedel das Geschäft betrieben, meint Friedrich Seitz von der benachbarten gleichnamigen Metzgerei, dessen Familie das alte Gebäude in der Hugenottenstraße 70 gehört. Der Buchhändler sei in den Ruhestand gegangen. Es schien der Anfang eines Buchladensterbens in Friedrichsdorf zu sein, denn einige Monate nach dem Aus für die Buchhandlung H. u. M. Buch hätte beinahe auch das letzte Stündlein der zweiten kommerziellen Anlaufstation für Lese-Fans in der Hugenottenstadt geschlagen.

„Räumungsverkauf“ stand im Juni an der Schaufensterscheibe von Sybille Borchardts Buchladen am Houiller Platz. Ende Juni sollte das Geschäft abgewickelt sein, nachdem die Bank der passionierten Buchhändlerin einen Kredit verweigerte, aber davon später mehr.

Auf jeden Fall schien Borchardts keinen Nachfolger für das im Prinzip gut laufende Geschäft zu finden, sodass sie sich schon mit der Abwicklung des Ladens abgefunden hatte. Aber es sollte anders kommen.

Wer dieser Tage den Houiller Platz besucht, stößt auf einen kleinen Laden gegenüber dem Rewe-Supermarkt, an dessen Schaufenster Schilder mit der Aufschrift „Neu-Eröffnung“ prangen. Darüber hängt ein grünes Firmenschild mit der Information „Buchhandlung Schieferstein“. Dahinter stecken Ute und Jörg Schieferstein, die den kleine Laden seit dem 1. Juli betreiben.

Es ist ein kleines Dorado für Lesefreunde, das der gelernte Buchhändler und seine Frau in dem wohnzimmergroßen Raum geschaffen haben. Im vorderen Bereich ist Kinder- und Jugendliteratur untergebracht. Weitere Schwerpunkte sind Krimis, Fantasy-, Liebes- und Abenteuerromane und im hinteren Bereich des Ladens gibt‘s Kochbücher, Elternratgeber und andere Sachbücher. Dazu kommen allerlei Artikel rund ums Lesen: Lesezeichen, Buchstützen, Spiele, Lupen, Knietabletts mit eingebautem Kissen als Lesehilfe für Ältere oder kleine, fantasievoll verzierte Hocker für Kinder und Erwachsene.

Es ist ein liebevoll zusammengestelltes Sortiment, das die Schiefersteins da auf rund 50 Quadratmetern präsentieren. Eingeflossen ist da wohl die ganze Erfahrung, die sie in ihrer rund zehnjährigen Zeit im Buchhandel gesammelt haben. Zuletzt in Friedberg. „Dort gibt es mehrere Buchhandlungen“, nennt Ute Schieferstein einen Grund für den Wechsel von der Wetterau in den Hochtaunuskreis. Klar, dass man sich vorher erkundigte, ob in das kommende Einkaufszentrum Taunus Carré eine Buchhandlung geplant ist. Ist aber glücklicherweise bislang im Branchen-Mix nicht vorgesehen.

Eine Chance

„Für uns ist das eine Chance“, hofft sie nun auf gute Perspektiven in der Nachbarschaft – und am Standort Houiller Platz. „Ich denke, das ist eine gute Lage“, meint Schieferstein, Jahrgang 1961, mit Blick auf die benachbarten Geschäfte und auch die Taunusresidenz mit ihren vielen Senioren.

Davon profitierte auch Sybille Borchardts während ihres fast zehnjährigen Buchhändlerinnen-Daseins in Friedrichsdorf. Sie habe immer ein festes Stammpublikum gehabt, meint die 48-Jährige. Dieses sei ganz gemischt gewesen. „Das ging vom Neugeborenen bis zum 95-Jährigen“, sagt sie. Laufkundschaft gebe es hingegen nicht viel in einer Stadt wie Friedrichsdorf.

Positiv sei die Nähe zur Taunusresidenz, meint auch Borchardts. „Das ist ein großer intellektueller Lesekreis.“ Generell gebe es in Friedrichsdorf eine ausgeprägte Buchkultur – auch jenseits von Internethändlern wie Amazon und Co; diese setzen heute der Branche stark zu wie auch die populärer werdenden E-Books, was dazu führen kann, dass der Umsatz der Buchhändler in den kommenden Jahren nach Prognosen um bis zu 20 Prozent sinken wird.

Profitieren konnte Borchardts und in Zukunft wohl auch die Schiefersteins von der Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei. Da gab es gemeinsame Büchertische bei Lesungen in Garniers Keller und regelmäßig wickelte die Bücherei im Institut Garnier Bestellungen aktueller Titel ab, die nicht auf Lager sind. „Für uns ist das praktisch“, sagt Katharina Becker-Busse von der Stadtbücherei.

Ich fand das schrecklich, ich konnte mir das gar nicht vorstellen“, beschreibt die Diplom-Bibliothekarin ihre Reaktion auf die erste Nachricht über das Aus für die Buchhandlung Borchardts. Umso mehr hätten sie und Stadtbücherei-Leiterin Kristina Wachsmuth sich gefreut, dass eine Nachfolge für den letzten Buchladen Friedrichsdorfs gefunden worden sei.

„Ich bin heilfroh“

Das sehen die Kunden wohl genauso. „Ich bin heilfroh, dass es das Geschäft weiter gibt“, sagt Heidi Sprunge, als sie dieser Tage in der Buchhandlung am Houiller Platz ein Geschenk für eine Freundin sucht. Sie informiere sich höchstens mal im Internet über das Angebot und gehe dann in den Laden, um das Gesuchte zu bestellen. „Hier kann man blättern und wird beraten“, nennt die nach eigenen Aussagen Vielleserin den Vorteil solcher Geschäfte.

Ute Schieferstein dürfte das freuen, zumal sie auch von anderen Kunden viel positive Resonanz erhalten habe, wie sie sagt. „Viele haben gesagt, dass sie froh sind, in Zukunft nicht nach Bad Homburg oder ins Internet ausweichen zu müssen“, schildert sie die Reaktionen.

Klingt auf jeden Fall nach guten Voraussetzungen dafür, dass die drittgrößte Stadt des Hochtaunuskreises auch in den nächsten Jahren nicht mit dem Makel leben muss, kein Fachgeschäft für Bücher zu besitzen. „Das wäre für eine Stadt wie Friedrichsdorf schade“, sagt Ute Schieferstein.

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