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Wow! – ein Splash-Comic ohne Bilder: „Land, Luft & Leichenschmaus“

 

 

 

 

Ein Splash-Comic ohne Bilder – das ist Sabottkas neues Buch „Land, Luft & Leichenschmaus“. Wie ich darauf komme? Kürzlich hat der Filmemacher Volker Heise in der Frankfurter Rundschau des genialen Don Martins gedacht, indem er über dessen Comics in der legendären Zeitschrift MAD schrieb:

Kennen Sie Don Martin? Nein? Dann will ich Ihnen den Mann kurz vorstellen. Er war ein legendärer Comic-Zeichner, hat für das amerikanische Magazin MAD gearbeitet und gilt bis heute als ungekrönter König der Lautmalerei. Auf sein Konto gehen Worte wie „Whump“, „Blort“ oder „Sizafitz“; nicht zu vergessen „Burf-Burf“ oder das absolut trockene „Kachunk“. Stellen Sie sich für jedes Wort ein Geräusch vor und für jedes Geräusch einen Unfall mit bösen Folgen, dann ahnen Sie, worum es Don Martin ging. Sein Humor war schwarz, kein Lachen konnte die Welt erhellen.

Und Thomas Sabottka ist für mich der Wortreiche, der ohne Zeichenstift problemlos mithält. Dreizehn Tote bzw. Todesfälle auf 257 Seiten (- ich habe nachgezählt!) lassen trotzdem nicht den Gedanken an ein Massaker aufkommen. Mit tiefschwarzem Humor bekommt da jeder sein schlimm-schönes Ende samt (un-) passender Entsorgung. Da werden die Reste hingebungsvoll gekocht, eingefroren, geshreddert und gehackt. Alle diese (Schand-) Taten passen aber herrlich in das skurrile Panoptikum über das (fiktive) Ex-DDR-Dorf Brieskau-Finkenwalde in der Nähe von Berlin.

Und Sabottka läßt nichts aus: Von der ehemaligen Schweine-LPG und dem Bürgermeister, der sich immer oben hält – egal unter welchen politischen Bedingungen – bis hin zum Schweine-Dorf, das zum starr friedlichen (Vor-) Ort in Berlins Speckgürtel für die etwas Begüterten mutiert. Keine Schweinerei hinter diesen scheinbar ach so soliden Fassaden wird ausgespart.

Ob Vertreter, Rechtsanwältin, Bankier, Blumenhändler, Steuerberater oder Zeitungsverleger: Alle haben Dreck am Stecken. Sabottka überzeichnet dabei wunderschön mit viele Würze in der Kürze. Ein echter Comic eben.

Nichts bleibt unerwähnt: Die unerwarteten Skelettfunde im Blumentopf der Nachbarin, der Neonazi-Brandanschlag, Kinderpornografie, ein Ex-Knacki, Scheidungsfälle, Ufos im Moor und und und ….

Unvermeidlich ist natürlich der finale Showdown mit Blitz und Donner, MP-Geknatter, Kollateralschäden und der befreienden Nachricht, dass die Bösen doch noch ihr Fett abbekommen.

Mein lieber Thomas! Der Sabottka zeigt alles, was in ihm steckt! Da beschreibt einer ebenso einfühlsam die erste Liebe wie die Nacht mit einem Callboy, den leicht vertrottelten Dorfpolizisten wie den aalglatten Verleger, die Vergangenheitsbewältigung des sensiblen Rockstars wie die Gefühle der hintergangenen Ehefrauen. Womit er deutlich machen will und kann, wofür er alles ein (Schreib-) Händchen hat.

Dass er sich gezwungen fühlt, das komplett in ein einziges Buch zu stecken, sei ihm nachgesehen. Herausgekommen ist eine wundervolle Illustration seines Könnens. Bitterböse Komik, rabenschwarzer Humor, manchmal sich selbst überschlagende Handlungen, ein feines Gespür für Nuancen und der lange Atem, um auch eine absonderliche Geschichte bis zum Ende durchzuhalten.

Jetzt wünschen wir Leser uns eine Fortsetzung mit mehr Stringenz und Tiefen, die ausgelotet werden wollen und können. Bis dahin bleibt festzuhalten: „Land, Luft & Leichenschmaus“ ist ein fabulöses Feuerwerk, das den Anfang gemacht hat, prächtig anzusehen und zu erleben. Applaus. Applaus.

Thomas Sabottka: Land, Luft und Leichenschmaus

‚Edition Totengraeber‘.
kartoniert
13,50 EUR

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