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Fantasy ist nicht gleich Fantasy

Eine nicht ganz so ernst gemeinte Kategorisierung von dem, was Fantasy ist oder sein könnte, findet sich im neuen Buch  von Mal Peet „Die Murdstone Trilogie – in einem Band“:

 

>>Na ja, kommt darauf an, was Sie mit <Fantasy> meinen. Das Genre hat eine ziemliche Bandbreite, wie Sie sicher wissen. Da hätten wir zum Beispiel die posttolkieneske traditionelle Fantasy, mit Kobolden, Zauberern und so weiter. Da weiß man, was man hat. Dann wär da noch die posttolkieneske experimentelle Fantasy, mit Engeln, Drogen und Ähnlichem. Natürlich nicht zu verwechseln mit der mormonischen Vampir-Fantasy, die  eine ganz andere Sache ist, wie auch Steampunk.<<

>>Steampunk?<<

>>Sie wissen schon, viktorianische Zeitschleifen. Wie der Film Blade Runner, nur eben unter der Regie von Isambard Kingdom Brunel.<<

>Ah, ja.<< Philips Hirn suchte irgendwo nach Halt, wie eine Spinne, die sich an den Speichen eines Abflussgitters festzuklammern suchte.

>Dann haben wir noch Portal-Fantasy, in der die Protagonisten durch eine Lücke oder einen Tunnel im kosmischen Gefüge in eine ganz andere Dimension beziehungsweise eine anderes Raumzeit-Kontinuum gelangen, obwohl das meiner Meinung nach<<, an dieser Stelle schniefte Tania abfällig, >>eher historische Romane mit modernem Anstrich sind. Erfreuen sich bei Eltern großer Beliebtheit. Ich habe absolut keine Ahnung warum. Mal sehen. Ach ja: postapokalyptische Fantasy, vor allem für Jungen bestimmt. Im Grund genommen posttolkienesk-experimentell, aber mit reichlich Gewalt. Denken Sie an Computerspiele für Leute,  die mit Lesen und Schreiben nicht viel am Hut haben. Oft lässt sich der Unterschied zur Splatter-Sci-Fi kaum feststellen. Bei der Katalogisierung kommt es deshalb immer wieder zu langen Diskussionen, das kann ich ihnen sagen; dabei geht es manchmal ziemlich hitzig zu. Dystopische Fantasy zielt mehr oder weniger in die gleiche Richtung, aber mit einer weiblichen Hauptfigur, denn Mädchen erwecken mehr Mitleid als Jungen. Was sonst noch? Philip Pullman. Er ist ein weiteres Problem. Das Dewey-System wurde nicht für ihn entworfen. Religiöse Fantasy, könnte man sagen, aber ist das nicht dasselbe wie Theologie? Irene am Schreibtisch dort drüben nennt es prätentiöse Fantasy, aber sie mag auch nur Bücher über SAS. Was Terry Pratchett betrifft, brauchen wir erst gar nicht anzufangen. Er bildet sein eigenes Genre.<<

>>Ja<<, sagte Philip in einem wissenden Ton.

>>Und ich erspare mir auch einen Hinweis auf Harry Potter, mit dem sie vertraut sein dürften.>>

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